Phänomen Smartphone-Gaffer

Gaffer bei einem Feuerwehreinsatz in Hamburg. Während im Hintergrund dicke Rauchschwarden hervor kommen und die Feuerwehr den Brand löscht, gaffen einige Schaulustige und zücken teilweise ihr Smartphone. Foto: FoTe-Press

(mr). Ob Brände oder schwere Verkehrsunfälle: Menschen schleppen sich teils schwer verletzt aus ihren Häusern oder Autowracks auf die Straße. Doch anstatt dass vorbeilaufende Passanten die Lage erkennen und sofort helfen, gehen sie einfach weiter oder umfahren dreist die Unfallstelle. Kaum jemand hält an und fragt die Betroffenen, ob sie Hilfe gebrauchen können. Stattdessen zücken immer mehr Passanten erst einmal ihre Fotohandys und machen Fotos oder nehmen ganze Szenen als Video auf. Auch in Hamburg haben die Retter, unter ihnen Feuerwehr und Polizei, immer häufiger mit dem Phänomen Smartphone-Gaffer zu tun. Diese Personengruppe ist zu einem alltäglichen Problem geworden: Schaulustige, die möglichst dicht mit ihrem Smartphone an Einsatzorten fotografieren und filmen. „Es gab schon immer Menschen, die vor unserer Feuerwehrwache standen und Fotos davon gemacht haben, wenn wir ausrücken. Das ist völlig in Ordnung“, sagt ein Feuerwehrmann und ergänzt: „Aber wenn ein Ertrinkender, ein Brandopfer oder ein schwer verletzter Autofahrer von uns gerettet wird und so eine Szene gefilmt oder fotografiert wird, ist eine gewisse Grenze überschritten.“ Und genau dies geschehe immer häufiger. Erst kürzlich sei eine 14-Jährige in Hamburg auf offener Straße verprügelt worden. Passanten standen daneben und hätten nicht eingegriffen. Stattdessen hätte einige von ihnen gefilmt. Die Vorfälle häufen sich bundesweit: Am 21. März 2015 kommt es auf der A3 hinter dem Autobahnkreuz West zu einem schweren Verkehrsunfall, bei dem sechs Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Schaulustige filmten und fotografierten die Unfallstelle und die Opfer. Beim Brand einer Grundschule in Remscheid im Jahr 2012 behindert mehrere Gaffer den Feuerwehreinsatz. Im Jahr 2015 kam es zu einem Massenunfall auf der A2 nahe Magedeburg. Autobahnpolizisten sprechen noch heute von einem „unbeschreiblichen Verhalten“ unbeteiligter Autofahrer. Die hätten sich über einen längeren Zeitraum über den Standstreifen an der Unfallstelle vorbeigedrängelt. Nach Polizeiangaben seien auf der Straße liegende Unfallopfer regelrecht umkurvt worden. Und auch hier wieder das Smartphone-Phänomen: anstatt zu helfen, hätten viele Fotos gemacht,wie die Polizei kritisiert. Erst nachdem Einsatzkräfte am Unfallort angekommen sind, hätten diese das Gaffen schließlich beendet und einen Streifenwagen auf den Standstreifen gestellt, damit dort niemand mehr unerlaubt an der Unfallstelle entlang fahren konnte.

Kommentar: Sicherlich wünscht sich niemand, in die Situation zu kommen, Ersthelfer zu sein. Allerdings ist Hilfe zu leisten keine Option, sondern gesetzliche Pflicht! Wer an einer verletzten oder hilfebedürftigen Personen nicht hilft, macht sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Der Paragraf 323c des Strafgesetzbuches erklärt ganz deutlich: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Offenbar hat sich die moderne Informationsgesellschaft schlicht nicht mehr im Griff. Längst ist es nicht mehr Sache der Medien selbst – ob Print oder Online – über Ereignisse zu berichten. Es finden keine professionelle Abwägungen statt, ob über einen Unglücksfall berichtet werden sollte – oder auch gar nicht, wie es bei beruflich agierenden Pressevertretern der Fall ist. Leider tragen einige Medien indirekt dazu bei, zufällig vorbeikommende Gaffer dazu zu animieren, ihre Kamera zu zücken. Eine große Bollevardzeitung beispielsweise ruft regelrecht dazu auf „schicken Sie uns Ihre Fotos und Sie bekommen einen bestimmten Betrag bei Veröffentlichung“. Sie aber wissen nicht, wie sie sich an einem Einsatzort richtig zu verhalten haben, wie es bei Pressefotografen der Fall ist. Ein weiterer möglicher Grund könnte die leidige Konsequenz der unaufhaltsamen technischen Weiterentwicklung sein, denn fast jeder zweite Bundesbürger besitzt mittlerweile ein Smartphone und kann damit schnell und an jedem Ort Fotos und Videos machen. Viel zu viele Menschen gehen aber heutzutage in verantwortungsloser Manier ihrer Neugier nach. Dabei ist helfen wichtig. Wer einmal in so einer Situation war, wünscht sich auch, dass jemand sich um einen kümmert. Immer getreu dem Motto „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem ander`n zu.“ Fast zehn Prozent aller Unfallopfer könnten nach einer Studie des Deutschen Roten Kreuzes noch leben, wenn jeder am Unfallort Erste Hilfe leisten würde. Bei dieser Zahl gibt es nur eine Forderung: gegen Gaffer muss härter durchgegriffen werden. Und an einem Unglücksort gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder Passanten helfen oder aber, wenn die Einsatzkräfte bereits vor Ort sind müssen die Gaffer weiträumig fern gehalten werden! Und für Menschen, die von beispielsweise einem Verkehrsunfall Fotos oder gar Videos machen, sollte es einen eigenen Straftatbestand geben. Fotos machen ausgebildete Pressefotografen, keine Passanten. Denn es ist wirklich sehr beschämend, wenn Menschen eher zum Foto-Handy greifen als Menschenleben zu retten.

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